Die Nummer

Hanni war fast fertig, als sie den Umschlag fand.
Er war zugeklebt, und wieder empfand sie eine ähnliche Scheu wie vor dem Begräbnis, als sie in das Gesicht des Vaters geschaut hatte, das er nicht mehr hatte abwenden können. Dieses Kuvert hatte er verschlossen, und er konnte nicht verhindern, dass sie es öffnete. Nichts hatte sie je so ungern getan, wie diesen Haushalt aufzulösen. Hanni schluckte. Dreiundsiebzig Jahre! Das war kein Alter, um zu sterben. Viel weniger noch neunundfünfzig. So alt war ihre Mutter gewesen, als sie vor zehn Jahren gestorben war. Hanni öffnete das Kuvert. Sie zog ein Foto heraus, das ihr völlig unbekannt war und sie schauderte. Noch nie hatte sie ein solch trostloses Bild gesehen.
Der Mann auf dem Stuhl schien resigniert zu haben. Ob das mit den beiden Männern neben und hinter ihm zusammenhing? Arzt und Polizist oder Wärter, wie es schien. Es waren nur deren Beine zu sehen. Auf der Rückseite des Bildes stand eine Nummer, schwer leserlich, da die Tinte schon verblasst war: 141 986. Sonst nichts!
Plötzlich erschien Hanni dieses Foto das Wichtigste.
Wer konnte das sein?
„Omi! Natürlich“, murmelte Hanni, „sie muss es wissen!“ Sie erhob sich, schlüpfte in ihren Mantel und eilte zum nahen Pflegeheim. Wer dieser schlanken, zierlichen Frau mit dem kessen blonden Pagenkopf begegnete, hätte ihr schwerlich fünfzig Jahre gegeben.
Wie immer, wenn Hanni kam , strahlte die alte Dame. Sie klopfte einladend auf den Bettrand. Hanni nahm Platz, berührt von der unübersehbaren Liebe in den wachen Augen der Dreiundneunzigjährigen.
„Wie geht es dir, mein Kind? Hast du’s bald hinter dir? Ich bin traurig, dass ich dir nicht helfen kann.“
„Kein Problem, Omi, ich bin fast durch, mach dir keine Gedanken.“
Hanni beugte sich vor, strich der Großmutter eine graue Strähne aus der Stirn und
zog dann das Foto heraus.
„Ich möchte dich etwas fragen. Schau, das hier hab ich gefunden. Kennst du diesen
Mann?“
Die Greisin hob das Bild dicht an die kurzsichtigen Augen und zuckte zusammen. Sie hatte Mühe, sich zu fangen und ihre Stimme zitterte, als sie sagte:
„Nein, Hanni, ich kenne ihn nicht. Ich … nein, ich kenne ihn nicht.“
„Omi“, Hanni beugte sich vor, „Omi, es mag sein, dass du ihn nicht kennst. Aber ich spüre, du weißt etwas über ihn. Was ist es?“
„Oh Hanni! Es wäre besser, du wüsstest es nicht. Es würde dich unglücklich machen.“
„Omi! Ich bin fünfzig Jahre alt und habe einiges erlebt. Und wenn das Foto etwas mit mir zu tun hat, habe ich ein Recht darauf, es zu erfahren!“ Hannis Stimme bekam unwillkürlich jene strenge Klarheit, die einige Generationen ihrer Germanistikstudenten respektieren gelernt hatten.
„Oh Gott!“ Zitternd strich die faltige Hand der Älteren über die karierte Bettdecke.
„Omi!“ Hanni legte das Foto auf das Bett und hielt die unruhige Hand fest, „Omi, bitte!“
„Also gut, Hanni. Aber ich wünschte, du würdest mich nicht dazu zwingen. Hör zu!“

Die alte Frau begann zu erzählen, und Hanni wurde plötzlich bewusst, dass sie am Bett einer Frau saß, die bis eben ihre Großmutter gewesen und nun eine Fremde war, die immer kleiner zu werden schien, immer ferner und ferner, je länger sie erzählte: eine Geschichte, die Hanni ganz neu war und dennoch ihre eigene Geschichte, die ihr bisheriges Leben auszulöschen schien auf einen Schlag.
Als die Stimme verstummte, erhob sich Hanni, marionettenhaft, tastend, ging schweigend zur Tür, das Foto in der Hand.
„Hanni! Geh nicht! Bleib da! Lass uns darüber reden, Kind!“ Das letzte Wort hörte Hanni schon durch die geschlossene Tür. Die Fremde dort drin ging sie nichts mehr an.

Das Stakkato ihrer Schritte gab den Rhythmus für das Gedankenkarussell in Hannis Kopf:

‚Jung geheiratet hatte Vati …‘
Vati!! Auch Vati ein Fremder, ein Lügner, auch er!
‚Und Mutti, seine Frau! Depressionen, nachdem das Neugeborene gestorben war, damals 1944, die kleine Tochter.‘
Aber sie, Hanni, ist doch dieses Kind, sie hatten doch nur eines, sie! Wie kann dann …? Richtig! Sie ist ja … Oh Gott!
Hanni ging weiter, immer weiter, irgendwohin. Nur nicht stehen bleiben!
Wie ein Endlosband spulte die Geschichte in ihrem Kopf, wieder und wieder:
‚Weißt du, jung waren deine Eltern bei ihrer Hochzeit in Guben, dem heutigen Polen. Es war eben Krieg, Frühjahr 1944. Als das Kind kurz nach der Geburt starb, verfiel deine Mutti in tiefe Depressionen.‘
Mutti! Meine Mutti? Ihre! Die des toten Kindes, nicht Hannis!
‚Dein Vati sollte Urlaub bekommen. Zuvor hatte er noch eine Ladung Spinde aus Auschwitz abzuholen. Es war das erste Mal, dass er ein KZ von innen sah, und er begriff plötzlich, was wirklich gespielt wurde.
Im Büro saß ein jüdischer Häftling als Schreiber, der ihn bat, einen Säugling herauszuschmuggeln. Sie könnten das Kind nicht länger verbergen und seien verzweifelt genug, einen Verrat zu riskieren. Dein Vater machte mit. Das Kind wurde in einem der Spinde versteckt, und dein Vater schaffte es irgendwie, es mit nach Hause zu nehmen. Deine Mutti wurde durch dieses Kind aus ihrer Depression gerissen, und in den Wirren der Flucht und des Neubeginns im Nachkriegsdeutschland, gelang es, das Kind als eigenes auszugeben. Es wurde heiß geliebt und hatte die besten Eltern. Es ist ein guter Mensch aus ihm geworden, eine tüchtige Frau. Das Kind bist du, Hanni!‘
Das Kind bin ich! Ich bin das Kind!
‚Der Mann auf dem Foto ist in Wirklichkeit dein Vater. Woher der Häftling es hatte, weiß ich nicht. Im Krieg gingen die Dinge oft seltsame Wege. Die Nummer ist seine Häftlingsnummer. Das ist alles, was wir von deiner Herkunft wussten. Außer deinem Namen: Hannah!‘
Hannah! Hanni ist Hannah! Ich bin Hannah!
Hanni hatte den Park erreicht, setzte sich auf eine Bank, nahm es kaum wahr.
Wer bin ich? Bin ich Jüdin? Bin ich Deutsche? Was heißt das: Jüdin? Was heißt das: Deutsche?
Warum haben sie es mir nicht gesagt? Sie haben es mir nicht gesagt! Vater! Das Foto verschwamm vor Hannis Augen. Vater! Ein zitternder Tropfen fiel von ihrem Kinn auf das Bild. 141 986 die Nummer! Ob sich wohl herausfinden ließe, wie der Mann … wie ihr Vater hieß? Irgendwo musste doch …
Wie betäubt erhob sich Hanni, bewegte automatisch die Beine, schlurfte fast, ging, ging einfach, ging und dachte nichts und doch dachte es in ihrem Kopf, wirbelndes Gedankenkarussell immer im Kreis, im Kreis …
Hannis Erstaunen glich dem eines überraschend beschenkten Kindes, als sie merkte, welche Richtung sie eingeschlagen hatte. Esther! Das war gut!
„Hanni, wie schön! Was ist denn? Gott, ist etwas passiert? Komm herein!“
Esther zog Hanni in die gemütliche kleine Wohnung unter der Dachschräge, die sie seit dem Tod ihres Mannes alleine bewohnte. Sie drückte die Freundin in den weichen Ohrensessel am Fenster, und unter der warmherzigen, mitfühlenden Fürsorge, begann der lähmende Eispanzer um Hanni zu schmelzen. Ohne Übergang stieg ein Weinen in ihr hoch, schüttelte sie mit einer Urgewalt, die den Sessel zum Vibrieren brachte, in dem sie kauerte wie ein verlorenes Kind.
Ja, verlorenes Kind … nein, gefunden … nein gerettet … Vati … nein Vater! … Mami!!
„Gott, Hanni! Hannilein!“ Esther wiegte Hanni fassungslos in den Armen, murmelte beruhigend, wie eine Mutter ihr Kind beruhigt.
„Hannah“, verbesserte Hanni erschöpft, „Hannah!“
„Was?“
„Ich heiße Hannah!“
Die Freundin schaute hilflos fragend auf sie herab.
„Ich bin Jüdin.“ Esther legte Hanni die Hand auf die Stirn.
„Nein, ich bin nicht krank, ich bin Jüdin und heiße Hannah.“ Esther wurde ernst.
„Erzähl!“, bat sie. Und Hanni begann zu erzählen.
Esther schaute auf die gefalteten Hände in ihrem Schoß und wurde blass.
„Verstehst du nun?“, schloss Hanni schließlich erschöpft, „Sie haben mir meine Identität gestohlen! Sie haben mir nichts gesagt! Nie! Sie haben mich selbst zu einer Lüge gemacht!“
„Nein!“
Hanni schreckte hoch von der Strenge in Esthers Stimme.
„Nein?“
„Nein! Sie haben dir deine Herkunft verschwiegen. Das war sicherlich nicht gut, aber menschlich verständlich. Bei Adoptionen passiert so was oft.“
„Aber damit haben sie mir meine Identität genommen!“
„Und dir eine neue geschenkt.“
„Aber … „
„Sieh von dem mal ab, was sie dir verschwiegen, dadurch vielleicht genommen haben. Überlege, was du von ihnen bekommen hast.“ Hanni schaute nachdenklich aus dem Fenster. Die Tränen hatten den Kloß gelöst, der ihr das Atmen unerträglich gemacht hatte und sie fühlte sich wieder ein wenig wie sie selbst. Ein wenig anders als bisher, aber nicht schlechter. Anders einfach.
Was sie von ihnen bekommen hatte, den Menschen, die ihr Vater und Mutter gewesen waren? Hanni nickte.
„Ich verstehe“, sagte sie leise.
„Eigentlich haben sie dir alles gegeben: das Leben, Eltern, Ausbildung, Heimat.“
„Ja, nur …“
„Ich weiß, Hanni …!“
„Sag Hannah, bitte!“
„Gut, Hannah! Ich weiß, deine Herkunft gibt deiner Geschichte eine Dimension, die über eine gewöhnliche Adoption hinausgeht.“
„Eben! Esther, du weißt ja selbst … ich meine … du wusstest immer, dass du von jüdischen Eltern stammst und angenommen warst. Das ist anders.“
„Anders, ja! Aber nicht so sehr, wie du denkst. Ich liebte meine Pflegeeltern. Zugegeben, es gab eine Zeit, wo mir all das auch Konflikte einbrachte, aber ich habe für mich schließlich eine Lösung gefunden:
Ich bin von der Abstammung her jüdisch, aufgewachsen jedoch in der christlichen Tradition. Heute gehöre ich keiner Kirche an. Meine Heimat ist Deutschland und ich bin Deutsche. Überall gibt es gute und schlechte Menschen, grausame und sanfte. Durch Deutsche sind vor fünfzig Jahren unaussprechlich entsetzliche Dinge geschehen, und dieses Unrecht bleibt bestehen. Deshalb sind aber die Deutschen nicht automatisch schlecht, genauso wenig wie die Juden nur gut. Alle sind Menschen, von denen jeder einzelne die Anlagen zu allem in sich trägt, zum Untier ebenso wie zum Heiligen. Vertreter des Deutschen, Christlichen und des Jüdischen in einer Person zu sein, ist natürlich nicht von Pappe. Aber es ist auch eine Chance. Wenn es dir gelingt, beides in dir zu vereinen … stell dir vor, was das bedeutet!“ Hanni nickte langsam.
„Ja, ich verstehe. Aber das ist schwer.“
„Sicher, man muss gewaltig daran arbeiten.“
„Sag mal“, Hanni richtete sich auf, „hast du nie nach deiner Familie gesucht? Nach deiner jüdischen?“
„Doch, natürlich. Aber soweit ich herausfinden konnte, gibt es niemanden mehr. Wahrscheinlich bin ich die einzige Überlebende.“
„Ich werde auch suchen. Ich muss einfach!“
„Natürlich musst du“, sagte Esther ernst.
„Oh, Esther“, Hanni umarmte die Freundin impulsiv, „dass es dich nur gibt!“
Sie spürte Esthers Hand auf ihrem Haar, und das starke Gefühl von Verwandtschaft jenseits aller Blutbande erfüllte sie mit einer nie zuvor gekannten Mächtigkeit.
Jenseits aller Blutbande!! Hanni schoss hoch.
„Himmel! Omi! Ich muss sofort zu ihr! Esther, ich komme wieder! Oft! Das weißt du, nicht?“
Esther nickte:“Natürlich! Ich bin da!“
Zwei große ängstliche Augen suchten Hannis Gesicht, als sie die Tür zum Zimmer ihrer Großmutter öffnete. Hanni setzte sich ans Bett der Greisin, nahm deren zitternde Hand in ihre und schmiegte ihre Wange dagegen.
„Hallo, Omi“, sagte sie leise.